EU-Wahl: Das Speeddating von Puls4 war ein Tiefpunkt des Wahlkampfs


Das Bild ist eine Fotomontage für die EU-Wahl 2019. Sie zeigt das Europäische Parlamentsgebäude in Straßburg, im Hintergrund befindet sich großflächig die EU-Flagge, im Vordergrund in der rechten unteren Ecke befindet sich ein weißer Kreis mit einem gelben Kreuz, das veranschaulichen soll, dass es um die EU-Wahl 2019 geht.

Diese TV-Show war weder informativ, noch wird sie die Wahlbeteiligung der EU-Wahl erhöhen. Im raschen Hick-Hack verlor man selbst als politisch interessierte Person den Überblick. Der Zugang der Medien zu Europapolitik hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Dabei wäre alles so einfach. Ein Kommentar über das Puls4 Diskussionsformat „Europa — Die entscheidende Frage“. 

Eine TV-Show die Analysen beinah mehr Sendezeit einräumt als Kandidat_innen zum diskutieren Zeit haben, sollte sich nicht als „wohl größter Infoabend zur EU-Wahl“ bezeichnen. Wenn nur sechs Minuten Redezeit zur Verfügung stehen, die sich zwei Kandidaten teilen müssen (!), um komplexe Themen wie Sozialunion, Verteidigungspolitik, usw. zu diskutieren, dann muss man sich nicht wundern, wenn Vilimsky am Ende bei der Umfrage den ersten Platz erobert.

Schuss und TOOOOOOOR! — Oh, ich dachte das war ein Fußballspiel

Dieses Format ist gemacht für kurze populistische Antworten, deren Fehler aufzuzeigen in dieser kurzen Zeit unmöglich ist — Gegenkonzepte zu präsentieren sowieso undenkbar. Um eine ernsthafte Debatte schien es aber auch überhaupt nicht zu gehen. Denn Zwischendurch wusste man gar nicht ob das jetzt eine politische Debatte oder ein Fußball-EM-Finale war. Letztlich war nämlich nur wichtig wer „überzeugt“ oder man könnte auch sagen: gewonnen hatte. Dabei ist gerade Europapolitik kein Sprint, sondern ein Marathon.

Dieses Speeddating war ein Tiefpunkt

Bei Nationalratswahlen gibt es ausführliche Sommergespräche pro Kandidat_in, Duelle die je eine Stunde dauern, sowie große Elefanten- und kleine Ameisenrunden. Wieso müssen bei der EU-Wahl 15 Mal sechs Minuten reichen? Wo bleiben ernsthafte politische Debatten, die wir Europäer_innen dringend führen müssen? Wieso ist es scheinbar unmöglich, dass TV-Sender komplexe Themen verständlich aufbereiten, kurz erklären und politische Bewerber_innen dann zu den jeweiligen Standpunkten befragen? Selbstverständlich kann es am Ende auch eine Analyse geben, dann vorwiegend aber bitte bezüglich der Umsetzbarkeit der jeweiligen Konzepte und in zweiter Linie über rhetorische Tricks. 

Die Wahlfrage wird von nationalen Medien komplett ignoriert

Gerade eine Europawahl kann unglaublich spannend aufbereitet werden. Man könnte im Vorfeld beispielsweise auch die Standpunkte der Spitzenkandidat_innen der europäischen Parteien abfragen und einspielen — um sie geht es ja schlussendlich auch bei der Wahl. Die Wahlfrage ist nämlich nicht „mehr oder weniger EU“, die Wahlfrage ist: Wer wird nächste_r Kommissionspräsident_in? Doch diese Tatsache wird von nationalen Medien komplett ignoriert. 

Meine Kritik betrifft nicht nur private Sender, sondern auch den ORF. Warum findet die Debatte über den/die nächsten Kommissionspräsident_in in Österreich nicht statt? Oh ich vergas: Die echte Elefantenrunde der europäischen Spitzenkandidat_innen, aus der der oder die nächste Kommissionspräsident_in hervorgeht, ist im nationalen TV Programm anscheinend nicht vorgesehen — der ORF sendet am gleichen Tag nämlich den zweiten Teil seines eigenen Speed-Datings.

 

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Über den Autor

Dominik J. Berghofer ist Europa-Aktivist aus Wien. Der 26-jährige gebürtige Steirer setzt sich insbesondere für die Gründung der Europäischen Republik ein. Mit der Plattform I love EU will er einerseits die öffentliche Diskussion über die Europäische Union stärken und andererseits mit dem Shop Europe! für mehr sichtbaren europäischen Stolz sorgen. Bis 2017 war er Europa-Gemeinderat der Bezirkshauptstadt Hartberg in Österreich.